Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels
Nach der “Kathedrale des Meeres” hat sich mir mit diesem Buch erneut die Möglichkeit eines literarischen Ausflugs in meine Lieblingsstadt ergeben. Ausserdem war ich positiv überrascht, als ich entdeckte, dass einzelne Personen und der berühmte „Friedhof der Vergessenen Bücher“, die man bereits aus dem Roman „Der Schatten des Windes“kennt, wieder mit von der Partie sind.
Bei genauerer Recherche habe ich herausgefunden, dass „Das Spiel des Engels“ ein Prequel zum Schatten des Windes ist und Zafón bereits angekündigt hat, er plane eine Reihe von vier Romanen.
Erzählt wird die Geschichten des jungen David Martín, der davon träumt Schriftsteller zu werden. Zunächst ermöglicht ihm sein Freund und Mentor Pedro Vidal, für eine Zeitung eine Kriminalfortsetzungsreihe namens „Die Geheimnisse von Barcelona“ zu schreiben.
Eines Tages erreicht ihn die mysteriöse Nachricht eines Fans, der ihm aus Dankbarkeit eine Überraschung machen möchte und ihn ins Luxusbordell “Die Träumerei” einlädt. Das erstaunen ist groß, als ihn in dem Etablissement eine Frau erwartet, die scheinbar seiner Dichtung entsprungen ist. Am nächsten Morgen klärt sich die Identität des Gönners, der sich mit einer weiteren Nachricht als Verleger Andreas Corelli vorstellt und ihm eine Zusammenarbeit anbietet. Die eigentümlichen Erfahrungen in der Nacht eine Entdeckung, die er im Nachgang machen wird, sorgen aber dafür, dass er (zunächst) kein Interesse an einer Zusammenarbeit hat.
Wenig später verliert er seine Arbeit bei der Zeitung und heuert bei einem Verlag an, für den er im Akkord unter Pseudonym die Groschenromanreihe „Die Stadt der Verdammten“ verfasst. Doch diese Arbeit kann ihn nicht erfüllen und er ergreift die Gelegenheit einer Auszeit, um im eigenen Namen einen Roman zu schreiben. Zeitgleich kommt Christina, ein Mündel seines Mentors Pedro Vidal, auf ihn zu, damit er sie bei der Korrektur des Romans von Vidal unterstützt. Da Martín schon lange heimlich in sie verliebt ist und gerne mehr Zeit mit ihr verbringen möchte, willigt er freudig ein – auch wenn sich bald herausstellt, dass er Vidals Roman komplett neu schreiben muss.
Dann wird es sehr schnell sehr finster in seiner Welt:
Christina, die ihm eben noch ihre Liebe gestanden hat, wird die Frau von Vidal, sein Roman hat nicht den gewünschten Erfolg und bei einer Untersuchung wird ihm ein Hirntumor diagnostiziert, der seinen baldigen Tod zur Folge haben soll.
In dieser Situation erhält er erneut eine Nachricht von Andreas Corelli, der ihm ein kleines Vermögen und die Lösung aller seiner Probleme verspricht, wenn er ein Jahr lang für ihn arbeitet. Da er nichts zu verlieren hat, willigt er ein; ist plötzlich wieder vollkommen gesund und nimmt die Arbeit für Corelli auf. Doch immer wieder kommen ihm Zweifel an seinem mysteriösen Auftraggeber. Er beginnt Nachforschungen, die aber mehr Fragen als Antworten nach sich ziehen.
So stellt sich heraus, dass er ein Haus bezogen hat, dessen Vorbesitzer ebenfalls für Corelli tätig war und sich unter nicht geklärten Umständen das Leben genommen hat. Martín drängen sich Parallelen zu seiner eigenen Situation auf und er versucht, die genauen Todesumstände aufzuklären, was aber eine ganze Reihe weiterer Morde nach sich zieht, die ausgerechnet ihm zur Last gelegt werden…
Zafón ist einfach ein großartiger Erzähler mit einer großen Stimme. Unter normalen Umständen würde selbst ich, als Liebhaber von Mystery-Stoffen einen großen Bogen um einen Roman machen, der einen religiös-moralischen Handlungsbogen aufbaut, aber die Art und Weise WIE Zafón erzählt hat einen Suchtcharakter, dem man sich unmöglich entziehen kann.
Unbedingt erwähnen möchte ich auch noch die Beziehung zwischen David und der eigenwilligen Isabella, die er zunächst nur widerwillig als Gehilfin einstellt, dann aber eine seiner wichtigsten Bezugspersonen wird. Beachtlich ist, dass Zafón es über die Beziehung der beiden schafft, Humor und Komik in den vom Grundton her sehr nüchtern-ernsten Roman einfliessen zu lassen.
Gelesen: 30.05.-01.06.
Seiten total: 711
Seiten/Tag: 237
Gelesene Seiten 2009: 7.813